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„Parasitoide spielen eine wesentliche Rolle in Waldökosystemen“ 

Interview mit Axel Schopf zur Erforschung natürlicher Gegenspieler von Forstschädlingen

 Darüber habe ich mit Axel Schopf, Professor i.R. an der Universität für Bodenkultur in Wien und Berater  in dem Team des Eichenresilienz-Projekt gesprochen, in dem European Forest Institute mit dem Landesbetrieb Wald und Holz im Wissenstransfer zusammenarbeitet.

Die Durchführung des Projektes „Erhebung der Parasitoiden der Frostspanner-Arten Operophtera brumata und Erannis defoliaria sowie des Eichenwicklers Tortrix viridanaerfolgt am Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz (IFFF) an der BOKU Wien unter der Leitung von Frau Doz. Dr. Christa Schafellner. Ihre Aufgabe war, den Parasitoidenkomplex (Parasitoide = Raubparasiten, die als natürliche Gegenspieler von Schädlingen diese letztlich abtöten) der dominierenden Eichenschädlinge Kleiner und Großer Frostspanner (Operophtera brumata, Erannis defoliaria) und Grüner Eichenwickler (Tortrix viridana) in ausgewählten Eichenbeständen im Münsterland zu untersuchen. Ziel der Untersuchung war es, in Folge die Möglichkeit einer Steigerung der Widerstandsfähigkeit von Eichenwäldern durch bestimmte Förderung und Ausbringung von natürlichen Gegenspielern der Eichenschädlinge zu bewirken.

 Herr Schopf, was war das wichtigste Ergebnis Ihrer Forschung (Stand heute)? 

In zwei Untersuchungsjahren wurden zunächst das Spektrum und die Häufigkeit der vorhandenen Larven- und Puppenparasitoide der Eichenschädlinge untersucht. Es zeigte sich eine relativ hohe Parasitierungsrate bei den Puppen des Eichenwicklers (37%), dagegen niedrige Raten bei den Larven- und Puppenparasitoiden der beiden untersuchten Frostspanner-Arten (ca. 10%). Dabei handelte es sich bei den erhobenen Parasitoiden-Arten nicht um reine auf die Zielgruppe ausgerichtete Spezialisten, sondern um solche, die ein relativ breites Wirtsspektrum aufweisen.  

Was sind erfolgreiche Gegenspieler der Eichenschädlinge, die Sie im Eichenresilienz-Projekt untersucht haben? 

Puppenparasitoid des Eichenwicklers bei der Fütterung mit Honig (Foto: W.
Theisinger).
Itoplectis maculator: Puppenparasitoid des Eichenwicklers bei der Fütterung mit Honig. Die größeren Wespen mit einem Legestachel sind die Weibchen, die kleineren ohne Legestachel die Männchen (Foto: W. Theisinger).

Als erfolgreicher und häufigster Puppenparasitoid des Eichenwicklers wurde eine Schlupfwespe, Itoplectis maculator, registriert. Diese Art ist wenig spezifisch und parasitiert auch Puppen anderer Wickler-Arten. Über die Biologie der Art ist noch wenig bekannt.  

Aus den Puppen der Frostspanner-Arten schlüpfte am häufigsten die nachtaktive Schlupfwespe Ophion minutus, die als Larven-Puppenparasitoide die Raupen der beiden genannten Frostspanner-Arten sowie solche der ebenfalls zu der Frostspanner-Gruppe zu zählenden Agriopis-Arten (Breitflügelspanner) parasitieren. Letztere Art fand sich in den Raupensammlungen in den vier untersuchten Beständen sogar häufiger als die Raupen des Kleinen und Großen Frostspanners. 

Larven-Puppenparasitoid Ophion minutus mit eigenem Puppenkokon
Foto: der am häufigsten gefundene Larven-Puppenparasitoid Ophion minutus mit dem eigenen Puppenkokon (Foto: Axel Schopf)

Die beiden häufigsten Raupenfliegen-Arten (Fam. Tachinidae) waren Cyzenis albicans und Phorocera obscura, die in den Bodenproben zur Bestimmung der Puppenparasitoide gefunden wurden; beide Arten parasitieren bereits die Raupenstadien der Frostspanner-Arten und entwickeln sich solitär in diesen bis zur Verpuppung im Boden. Sie verlassen dann ihren Wirt, um sich selbst außerhalb des Wirtes im Boden zu verpuppen. Die beiden Arten der Raupenfliegen wurden in allen Beständen erhoben und gelten als bedeutende Gegenspieler der Frostspanner-Raupen. 

Von Interesse für zukünftige „Freilassungsexperimente“ sind zwei Raupenparasitoide:  

  1. die an Frostspannerraupen parasitierende Erzwespe Eulophus larvarum, die ektoparasitisch (Außenschmarotzer, Organismen, die an der Oberfläche anderer Organismen längere Zeit parasitisch Nahrung entnehmen) zu mehreren an einer Wirtsraupe fressen und zwei Generationen im Jahr aufweisen sowie  
  1. die in Eichenwicklerraupen vorkommende Brackwespe Macrocentrus linearis. Diese Brackwespe entwickelt sich endoparasitisch (Innenschmarotzer, Organismen, die im Innern anderer Organismen über längere Zeit oder während ihres ganzen Lebenszyklus leben und parasitisch Nahrung entnehmen) in den Raupen von versteckt lebenden Schmetterlingsarten (Wicklerraupen, Frostspanner-Raupen). Sie besitzt aufgrund ihrer polyembryonalen Entwicklung (polyembryonal bedeutet, dass aus einem befruchteten Ei, das vom Weibchen in die Wirtsraupe abgelegt wird, bis zu 40 Tochterkeime, d.h. Nachkommen/Raupen entstehen) eine hohe Vermehrungsrate. Sie kann darüber hinaus 2-3 Generationen im Jahr hervorbringen.  

Beide Arten wurden in den untersuchten Eichenbeständen in geringer Anzahl gefunden. 

Welche Rolle können Ihrer Meinung nach Parasitoide im Forstschutz spielen – und macht es Sinn, diese in Zukunft zu züchten? 

Parasitoide spielen als natürliche Gegenspieler von vielen Forstschädlingen eine wesentliche Rolle in Waldökosystemen. Am deutlichsten sind deren Regulationswirkungen dann zu erkennen, wenn sog. Schädlinge in einen anderen Kontinent verschleppt oder eingeführt werden, wo kein natürlicher Gegenspielerkomplex gegen diesen Schädling existiert. Ein gutes Beispiel stellt hier die Verschleppung des über Europa und Asien verbreiteten Eichenschädlings Schwammspinner (Lymantria dispar) nach Nordamerika dar, wo dieser Schmetterling sich enorm ausbreitete und seit über 150 Jahren zu einem der bedeutendsten Forstschädlinge zählt. 

Können Sie sich vorstellen, dass wir einen Parasitoiden finden, der den Borkenkäfer bekämpfen könnte? 

Parasitoide gibt es natürlich auch bei Borkenkäfern und sind auch bei dem so gefürchteten Buchdrucker regulierend am Werk. Zeitweise können z.B. bis zu 80% der Borkenkäferbrut von einer einzigen Brackwespenart (Coeloides bostrichorum) parasitiert sein (ein Lesetipp dazu: https://www.waldwissen.net/de/waldwirtschaft/schadensmanagement/insekten/parasitoide-des-buchdruckers). Jedoch sind die im frischen Bast lebenden Borkenkäfer-Arten offenbar besser vor parasitischen Gegenspielern geschützt als frei lebende Insektenarten. 


 

Titelbild: Hier sehen wir die zu mehreren an einer Wirtsraupe parasitierenden Larven der Erzwespe Eulophus lavarum (Foto: G. Csoka)

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