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„Eingeführte Baumarten in europäischen Wäldern: Chancen und Herausforderungen“

Deutsche Übersetzung jetzt verfügbar!
Die Einführung von Baumarten ist ein bedeutendes und zugleich kontroverses Thema. In allen Ländern Europas sind eingeführte Arten einerseits als Chance für die Steigerung der Holzproduktion gesehen und können Alternativen für eine sich unter dem Einfluss des Klimawandels verändernde Artenzusammensetzung in Wäldern darstellen. Andererseits können eingeführte Arten auch die Ursache für den Verlust an Artenvielfalt sein, natürliche Ökosysteme stören und bei ungewünschter Verbreitung hohe Kosten verursachen.
Die Publikation Eingeführte Baumarten in europäischen Wäldern: Chancen und Herausforderungen ist eine Zusammenstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Erfahrungen zu diesem Thema und umfasst Beiträge von 89 Autoren aus 18 Ländern. Ursprünglich in englischer Sprache publiziert, wurde das umfangreiche Werk auf 456 Seiten in die deutsche Sprache übersetzt. Das Projekt „InTree“, welches am Europäischen Forst Institut (damals noch am Regionalbüro EFICENT in Freiburg) durchgeführt wurde, beschäftigte sich während 2 Jahren mit der Aufarbeitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und praktischer Ansätze zum Thema eingeführte Baumarten. Gefördert wurde In-Tree durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL).
Eingeführte Baumarten – Rückblick
Der Blick zurück und somit der historische Kontext der Einführungen fremdländischer Baumarten ist entscheidend für das Verständnis der aktuellen wie auch möglicher zukünftiger Verteilung von Baumarten. Die Verwendung eingeführter Baumarten hat eine lange Tradition. Bereits lange Zeit vor jeglichem menschlichen Einfluss migrierten Arten aufgrund von Klimaveränderungen, natürlichen Störereignissen und evolutionären Prozessen. Der Einfluss des Menschen auf Waldökosysteme nahm und nimmt weiterhin mit dem Bevölkerungswachstum und der Vielfalt menschlicher Tätigkeiten zu. Die früheste und gezielte Verwendung eingeführter Baumarten außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets fand in der Mittelsteinzeit (10 000–5 000 v. Chr.) statt und sollte die Basis für eine verlässliche Nahrungsmittelversorgung bilden. Die Einführung von Baumarten und die zunehmend intensive Landnutzung haben somit zur Veränderung in der Zusammensetzung von Wäldern sowie der Waldlandschaften in Europa geführt.

Zeitstrahl
Zeitstrahl der Einführungen einiger der bedeutendsten nichtheimischen Baumarten in Europa.

Hauptaspekte eingeführter und invasiver Arten und die Folgen für ihr Management
In der Diskussion über das Management eingeführter und invasiver Baumarten muss eine Vielzahl an Faktoren berücksichtigt werden. Ökonomische Aspekte spielen hierbei eine wesentliche Rolle, da die Kosten für die Bekämpfung und Beseitigung solcher Arten sehr oft hoch sind und ein Erfolg nicht garantiert werden kann.
Ökosystemveränderungen in der jüngeren Vergangenheit sind häufig bedingt durch den Klimawandel und Veränderungen in der Landnutzung. In einigen Teilen Europas kann die Verwendung gebietsfremder Arten eine Chance sein ökonomische Verluste, die auf den Klimawandel zurückzuführen sind, auszugleichen. In einigen Regionen Europas sind manche Industriezweige von der Bereitstellung bestimmter produktiver heimischer Baumarten – wie etwa der Fichte oder Waldkiefer abhänging. Da diese im besonderen Maße vom Klimawandel betroffen sein können, bedarf es  alternativer Arten, wie beispielsweise der Douglasie.
Häufig sind die Pathogene eingeführter Baumarten und deren Interaktionen mit Arthropodengemeinschaften bedeutende Kofaktoren, die darüber entscheiden können, ob eine eingeführte Art sich zu einem invasiven Schädling entwickelt oder nicht. Natürliche Störungen wie Stürme und Waldbrände können diese Effekte weiter verstärken, da sich im Zuge des Klimawandels auch die Störungsfrequenz und deren Ausmaß in Europa weiter verändern. Beispiele aus europäischen Ländern und anderen Teilen der Welt zeigen, dass die Dynamik nach einem Störereignis häufig von eingeführten Arten, die invasiv werden können und dann das Potenzial haben, das Ökosystem zu verändern, dominiert wird.
Sichtweisen sind entscheidend
Zusätzlich zu faktenbasiertem Wissen sind die unterschiedlichen Perspektiven hinsichtlich eingeführter Baumarten entscheidend. Die Analyse verschiedener Umweltbewegungen und Initiativen und auch von Wirtschaftsinteressen ab dem 20igsten Jahrhundert zeigen eindrücklich, dass Begrifflichkeiten häufig politisch belegt sind und erheblichen Einfluss auf die Wahrnehmung eines Themas haben. Momentan votiert die Gesellschaft eher für die Nutzung heimischer Baumarten , da diese in heimischen Ökosystemen bereits etabliert und gut integriert sind. Die Politik möchte entsprechend das Invasionsrisiko so gering wie möglich halten.
Sachkundige Entscheidungsfindung
Seit den späten 1990ern hat die Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die sich mit eingeführten Arten und wissenschaftlichen Fragen rund um das Thema Invasivität auseinandersetzen, stark zugenommen. Europa- und weltweit wurden Arteninvasionen ausführlicher beschrieben und dokumentiert. Der Wissenschaft kommt daher die wichtige Rolle einer unvoreingenommenen und neutralen Plattform zu, die angesichts der unterschiedlichen sehr oft auch emotional belegten Meinungen, evidenzbasierte Erkenntnisse und objektive Informationen für die Entscheidungsfindung liefern kann. In der Praxis wurden ebenfalls Erfahrungen und Know-how zusammengetragen und in Form von Fallstudien aufgearbeitet, und können somit einen wichtigen Input zum Umgang mit eingeführten Baumarten beisteuern.
Lernen was die Praxis tut
Fallstudien ausgewählter eingeführter Baumarten in Europa werden in einem finalen Kapitel vorgestellt. Damit soll die Notwendigkeit des Managements von Ökosystemen zum Erreichen bestimmter Ziele dargelegt werden. Die Fallstudien decken vor allem arten- und standortspezifische Erfahrungen mit eingeführter Baumarten ab. Gerade solche Informationen sind für die Anwendung angemessener Managementmaßnahmen von besonderem Interesse.
Politische Rahmenbedingungen
Der Wichtigkeit invasiver, gebietsfremder Arten wird in Diskussionen zu internationalen politischen Rahmenbedingungen für Naturschutz, in den Resolutionen von Forest Europe besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Auch im Übereinkommen zur biologischen Vielfalt (CBD), wird diesem Thema hohe Priorität eingeräumt.
Innerhalb der Europäischen Union hat die EU-Biodiversitätsstrategie 2020 das Ziel, der Einführung und Etablierung invasiver, gebietsfremder Arten vorzubeugen. 2014 wurde eine EU-Verordnung verabschiedet, die sich speziell der „Prävention“ und dem „Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten“ widmet. Die Europäische Kommission und die EU-Mitgliedstaaten haben die Möglichkeit, Ergänzungen für die Liste invasiver Arten von unionsweitem Interesse vorzuschlagen. Nach einer Prüfung der Eingaben durch ein wissenschaftliches Forum wird die Liste regelmäßig aktualisiert, indem entweder neue Arten der Liste hinzugefügt werden oder Arten, welche die Kriterien nicht mehr erfüllen, gelöscht werden. Die erste Liste gebietsfremder Arten erschien im August 2016 und trat anschliessend in Kraft. Es gibt weitere Datenbanken auf nationaler, regionaler, europäischer und internationaler Ebene zu invasiven, gebietsfremden Arten. Eine davon ist das Europäische Informationsnetz für gebietsfremde Arten (EASIN), das von der Europäischen Kommission geführt wird.
Einen umfassenden Überblick bietet auch das kürzlich erschienene In-Tree Dossier “Ein Forstschädling ist nicht immer ein Forstschädling”

Tessin
„Neues Ökosystem“ im Tessin (Südschweiz) mit Chinesischer Dattelpalme, Japanischen Knöterich, Kamberbaum und Robinien.

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