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Können wir durch großflächige Wiederbewaldung den Klimawandel stoppen?

This blog post was translated and is now available in English here

Letzte Woche hat das Magazin Science eine viel beachtete Studie der Arbeitsgruppe von Prof. Crowther vom Institut für Integrative Biologie der ETH Zürich publiziert, in der mithilfe von Satellitenaufnahmen, Felddaten und Computermodellen das enorme Potential von großflächiger Waldvermehrung für den globalen Klimaschutz herausgestellt wurde.

Das Besondere an dieser Studie ist der Fokus auf „Restoration“, also Wiederbewaldung. Es gibt viele Abschätzungen zu CO2 Minderungspotenzialen durch Aufforstungen, und es ist wichtig, bei solchen Abschätzungen den Landbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung sowie aus anderen Sektoren realistisch abzuschätzen (Canadell and Schulze 2014). Die Autoren der Studie haben daher von der global theoretisch möglichen Waldfläche den Flächenbedarf für Landwirtschaft und Siedlungen abgezogen. Als Resultat ergab sich eine riesige Fläche von fast 1 Mrd ha für potenzielle Wiederbewaldung.

Wälder haben über mehrere Jahrzehnte bereits einen beträchtlichen Anteil der globalen anthropogenen CO2 Emissionen gebunden (Pan, et al. 2011). CO2 durch Waldverluste insbesondere in den Tropen wurde weltweit seit 1990 mehr als ausgeglichen durch die Einbindung von CO2 in bestehenden und neu entstandenen Waldflächen insbesondere in temperierten Wäldern. Ein großer Teil dieser Kohlenstoff-Senke erfolgte als Nebeneffekt normaler Waldwirtschaft (mit geringeren Einschlägen als Zuwächsen). Neue Waldflächen sind zudem als Konsequenz von ungeplanter natürlicher Sukzession z. B. nach der Aufgabe landwirtschaftlicher Nutzung, entstanden. Aktive Wiederbewaldung geht darüber hinaus, indem gezielt die CO2 Speicherfunktion der Wälder erhöht werden soll. Eine am European Forest Institute durchgeführte Studie zur „klimasmarten Waldbewirtschaftung“ (Climate Smart Forestry) hat bereits vor einigen Jahren aufgezeigt, wie die Klimaschutzfunktion der Wälder maximiert werden kann (Nabuurs, et al. 2017). Da alle Sektoren einen Beitrag leisten müssen, um das Paris Agreement umzusetzen, zählt jede Fläche, auch in flächenmäßig kleinen Ländern wie Deutschland. Nicht vergessen werden sollte zudem die Möglichkeit durch Holzprodukte Emissionen in anderen Sektoren zu vermeiden – auch hierzu wurde vor kurzem eine Studie am European Forest Institute durchgeführt.

Die Funktionen des Waldes sind vielseitig, auch die Holzproduktion gehört dazu. Photo: Maria Schloßmacher

Grundsätzlich ist aber zu bedenken, dass forstliche Klimaschutzmaßnahmen allein viel zu gering sind, um ambitionierte Klimaschutzziele zu erreichen. Selbst bei voller Umsetzung des vorgeschlagenen globalen Wiederbewaldungsprogramms könnten die berechneten Speicherpotentiale erst über mehrere Jahrzehnte verteilt erzielt werden. Ohne gleichzeitige Verringerung der Emissionen aus anderen Sektoren wie dem Verkehr oder der Energiewirtschaft ermöglicht Wiederbewaldung keinen Durchbruch im Klimaschutz. Sie kann aber einen wesentlichen Beitrag leisten. Hinzu kommen außerdem weitere positive Wirkungen der Wälder für den Bodenschutz, den Wasserhaushalt und den Biodiversitätsschutz.

Eine andere Frage lautet jedoch, wie realistisch die berechneten Potenziale in der Praxis erreichbar sind. Die größten Potenziale mit 150 Mio ha wurden in Russland identifiziert. Dort haben in den letzten Jahren riesige Waldbrände gewütet und auch aktuell brennt es im nördlichen Sibirien gerade wieder auf riesigen Flächen (u.a. hat der SPIEGEL dazu berichtet). Solche Flächen bieten sich dann zur Wiederbewaldung an. Fraglich ist jedoch, inwieweit gerade in Russland eine aktive Wiederbewaldung gefördert werden kann. Viele betroffene Flächen sind unzugänglich und es fehlen darüber hinaus die technischen Mittel, Arbeitskräfte und eine verlässliche institutionelle Unterstützung um solche Maßnahmen durchzuführen. Wichtiger ist unter solchen Bedingungen die spontane natürliche Wiederbewaldung. Es ist aber fraglich, ob man in Zeiten des Klimawandels in Russland zukünftig mit weniger Feuern rechnen kann. Es besteht also die Gefahr, dass neu etablierte Waldflächen schnell wieder brennen und somit den Kohlenstoff nicht langfristig binden können.

Aufforstung bietet dennoch weltweit große Potenziale – ein spannendes Beispiel ist hier ein anderes großes Land, China. Dort wurden seit 1978 über 30 Mio ha aufgeforstet – mehr als in jedem anderen Land – um der Wüstenbildung, Erosion von Böden und verheerenden Hochwässern entgegenzuwirken.

Die Restoration/Wiederbewaldung ist also eine wesentliche Option in unserem Werkzeugkasten natürlicher Klimaschutzbestrebungen. Die CO2 Speicherung in Sekundärwäldern ist dabei lange deutlich unterschätzt worden (Poorter, et al. 2016).  Allerdings sollte neben der Restoration noch viel stärker der Fokus auf die Vermeidung von Waldverlusten und die Prävention von Störungen wie Waldbränden, Käferkalamitäten und Sturmschäden gelegt werden. Hier spielen auch Fragen der Waldbewirtschaftung eine Rolle, die beispielsweise durch Erhöhung der Baumartenvielfalt einen Beitrag dazu leisten kann, Wälder stabiler zu machen. Nur mit Aufforsten alleine ist es nicht getan.

Das zeigt sich ganz aktuell auch in Deutschland, denn es gibt immer noch viele hochgradig brandgefährdete Kieferreinbestände. Waldumbau in weniger anfällige Mischbestände und die konsequente Vorsorge wie Laubholzriegel, Brandschutzstreifen und Entnahme entflammbarer trockener Biomasse entlang von Verkehrswegen werden nicht überall konsequent genug angewendet. In gleicher Weise zeigen sich in Folge des extremen Dürresommers 2018 auch große Schäden in Fichtenwäldern, aber selbst in reichstrukturierten Laubwäldern treten alarmierend hohe Mortalitätsraten auf. Es ist also wesentlich, hierzulande wie auch global, die Resilienz der Wälder im Klimawandel zu verbessern. Wenn das nicht gelingt, dürfte irgendwann auch großflächige Aufforstung ins Leere laufen.

Auswahl von Medienberichten mit Beiträgen von Marcus Lindner zur aktuellen Diskussion:

-“51 Millionen Hektar Wald: Hier kann Europa aufforsten, um den Klimawandel zu stoppen“, Focus online, 9.Juli 2019

-“Lasst und Milliarden Bäume pflanzen“, Süddeutsche Zeitung, 7.Juli 2019

-“Ist der Wald unsere Rettung?”  Artikel erschienen in: Tagesanzeiger (4.Juli 2019), Der Bund, Basler Zeitung (beide 5.Juli, 2019)

-“Klimawandel: Waldgeneration in NRW soll fit gemacht werden“, WDR online, 5.Juli 2019

-“Studie: Aufforstung gegen Klimawandel”, WDR Mittagsmagazin, 5.Juli 2019

-“Effektivste Methode zur Klimarettung: Bäume pflanzen“, MDR Wissen, 5.Juli 2019

Weitere Information:

Ein lesenswerter kritischer Beitrag zum Thema findet sich auch im folgenden Kommentar der FAZ: Mit Bäumen die Welt retten? Träumt weiter! , 7.Juli 2019

 

Referenzen:

1.           Canadell, J.G. and Schulze, E.D. 2014 Global potential of biospheric carbon management for climate mitigation. Nature Communications, 5, 5282.

2.           Pan, Y., Birdsey, R.A., Fang, J., Houghton, R., Kauppi, P.E., Kurz, W.A. et al. 2011 A Large and Persistent Carbon Sink in the World’s Forests. Science, 1201609.

3.           Nabuurs, G.-J., Delacote, P., Ellison, D., Hanewinkel, M., Hetemäki, L. and Lindner, M. 2017 By 2050 the Mitigation Effects of EU Forests Could Nearly Double through Climate Smart Forestry. Forests, 8 (12), 484.

4.           Poorter, L., Bongers, F., Aide, T.M., Almeyda Zambrano, A.M., Balvanera, P., Becknell, J.M. et al. 2016 Biomass resilience of Neotropical secondary forests. Nature, 530 (7589), 211-214.

 

Titelphoto: Marcus Lindner; Hainbuchen im Białowieża Nationalpark in Polen entstanden aus Naturverjüngung nach dem Absterben des Vorbestandes


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