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Mehr Holzzuwachs der europäischen Wälder wird abgeschöpft – aber wirklich so viel?

Autoren: Marcus Lindner und Jürgen Bauhus 

In dem frisch publizierten Nature Artikel unter Leitung von Guido Ceccherini „Abrupt increase in harvested forest area over Europe after 2015” (https://doi.org/10.1038/s41586-020-2438-y) werden Waldverluste aus Satellitenbild-Auswertungen berechnet und dabei kommen die Autoren auf erstaunliche Werte von um fast 50% erhöhte Ernteflächen sowie um sogar 69% erhöhte Holzvolumenentnahmen in den Jahren 2016-2018 verglichen mit dem Zeitraum 2011-2015. Es wird diskutiert, dass eine auf verstärkte Bioökonomie-Entwicklung orientierte Waldpolitik zu diesem drastischen Anstieg in der Nutzungsintensität geführt hat und dadurch das Erreichen von Klimaschutzzielen in Frage gestellt wird.

Im Folgenden wollen wir diese doch recht überraschenden, ja spektakulären Ergebnisse und die Interpretation der Autoren kritisch hinterfragen und diskutieren, ob wir uns Sorge um unsere Wälder in Europa machen müssen.

Innovatives flächendeckendes Waldmonitoring

Satellitenbild-Auswertungen zu Waldflächenänderungen sind mit Unsicherheiten behaftet, aber sie bieten eine unersetzliche einheitliche Datengrundlage von hoher zeitlicher Auflösung. Klassische terrestrische Stichproben-basierte Waldinventuren werden dagegen nur alle 10 Jahre durchgeführt und liegen nicht flächendeckend vor. In den letzten Jahren hat sich die Verfügbarkeit von Satellitenbildern stark verbessert und mit modernen Datenauswertungsmethoden und schnelleren Computern können heute zeitnah Auswertungen im europäischen Maßstab gemacht werden. Dies ist eine wertvolle Grundlage, um wissensbasiert Fakten und Entscheidungsgrundlagen zu vermitteln, um zum Beispiel die Tragweite von Sturm-, Insekten, und Feuerschäden zu beurteilen, oder wie von der vorliegenden Studie demonstriert, mögliche Änderungen in der Nutzungsintensität zeitnah zu dokumentieren.

Enorm gestiegene Holznutzung – weit höher als andere Statistiken belegen

Die aufgezeigte Zunahme von Holznutzungen in europäischen Wäldern erscheint sehr drastisch, die Zahlen sind in der Tat überraschend und werfen eine ganze Reihe von Fragen auf.
Holznutzungen fluktuieren von Jahr zu Jahr und werden regional stark durch natürliche Störungen beeinflusst (insbesondere großflächige Sturmschäden, Feuer und Borkenkäferkalamitäten). Es ist bekannt, dass europäische Wälder bisher und über Jahrzehnte hinweg eine starke Kohlenstoffsenke waren. Maßgeblich dafür war, dass mehr Holz gewachsen ist als genutzt wurde[1]. Die Waldfläche vergrößerte sich durch Landnutzungswandel (spontane Wiederbewaldung und Aufforstungen[2]), Wald-Zuwachsraten nahmen zu (aufgrund von Stickstoffeinträgen, CO2 Düngeeffekt und verbesserten klimatischen Wachstumsbedingungen[3]) und der erhöhte Biomasse-Zuwachs wurde bei weitem nicht durch Nutzungen abgeschöpft. Seit der Jahrhundertwende stieg in vielen Ländern die Nutzung im Gleichschritt mit der ökonomischen Entwicklung, allerdings wurde dieser Anstieg durch die Finanzkrise 2008-2009 umgekehrt und der Forstsektor brauchte mehrere Jahre, um sich davon zu erholen (Abbildung 1). Der in der Nature-Studie verwendete Referenz-Zeitraum von 2011 – 2015 ist zumindest teilweise noch von der schwachen Konjunkturlage nach der Finanzkrise charakterisiert. Die Jahre 2016 bis 2018 waren dagegen „gute Jahre“ für den Waldsektor mit verbesserten Marktpreisen und dadurch angeregt steigenden Nutzungsraten. Allerdings zeigen offizielle aggregierte Holzprodukt-Statistiken (Abbildung 2) nur geringere Anstiege im Bereich von + 5% zwischen den Vergleichsperioden und bis + 10% von 2011 bis 2018, also weit weniger als von der Nature-Studie ermittelt. Eine Ausnahme bilden Holzpellets, deren Produktion zwischen den Perioden um knapp 20 % gestiegen ist, die aber nur einen sehr kleinen absoluten Anteil an der Gesamtproduktion (ca 4%) ausmachen.

EU28 Roundwood Production and GDP growth 2000-2018

Abbildung 1: Entwicklung der Holzproduktion in der EU seit dem Jahr 2000.
Abbildung 2: Holzprodukt Statistiken für Europa im Zeitraum 2011 bis 2018 (relative Veränderung seit dem Jahr 2011).

In der vorliegenden Studie wurden die stärksten Veränderungen im Westen der Iberischen Halbinsel, in den Baltischen Ländern sowie besonders ausgeprägt in Schweden und Finnland ausgewiesen. Während die Waldverluste in Portugal und Nordwest-Spanien vermutlich deutlich durch die außergewöhnlich heftigen Waldbrände in dieser Region in den vergangenen Jahren beeinflußt wurden, ist die massive Zunahme der berechneten Holzeinschläge in Nord-Europa in dieser Höhe überraschend.

Möglicherweise besteht auch ein methodisches Problem der Studie in dem „Herausrechnen“ der großen durch Windwurf und Feuer verursachten Schadflächen. Die Autoren hatten alle Kahlflächen, die mehr als dreimal größer waren als die durchschnittliche Erntefläche von der Betrachtung ausgeschlossen. Wenn aber solche großen Schäden auftreten, wird auf der verbleibenden Waldfläche automatisch weniger geerntet, je nach Sturmintensität auch noch in den Folgejahren, um die Holzpreise wegen eines möglichen Überangebots nicht verfallen zu lassen. Wenn man das auf diesen Störungsflächen geerntete Holz nun nicht in die Referenz für den Zeitraum (2011 – 2015) mit einberechnet, führt dies automatisch zu einem Anstieg der Nutzungsmengen auf dem Rest der Fläche, wenn sich dort die Nutzung wieder „normalisiert“.  Ein Anstieg der geernteten Mengen um 69%, wie von den Autoren postuliert, dürfte zu einer erheblichen Reduktion der Holzpreise geführt haben, der aber in dem Zeitraum nicht zu verzeichnen war.

Da die im Anhang der Studie gezeigten nationalen Statistiken deutlich geringere Zuwächse der Nutzung aufweisen (siehe Abbildung 3), erscheinen hier detaillierte Vergleiche angezeigt, um die gefundenen Trends zu verifizieren.

Abbildung 3: Waldzuwachs (increment), Holznutzungen (roundwood drain) und Holzentnahme (roundwood removals) in Finnischen Wäldern von 1940 – 2019 (Daten der zuständigen Finnischen Versuchsanstalt LUKE)

Dynamische Waldschäden in Europa

Die Studie analysiert Daten bis 2018; in diesem Jahr begann eine durch Klimaerwärmung und extreme Trockenheit verstärkte Borkenkäfer-Kalamität in fichtendominierten Waldbeständen Mitteleuropas. Die erhöhten Holznutzungen in Tschechien und Österreich für das Jahr 2018 könnten bereits dadurch beeinflusst sein. Allerdings nahmen die Waldschäden in den Folgejahren noch massiv zu, mit ungeplanten Holznutzungen auf Hundertausenden Hektar Waldfläche, unter anderem auch in Deutschland. Diese Waldschäden wirken sich ohne Zweifel auf die Kohlenstoff-Bilanz der Wälder aus und es ist zu erwarten, dass Waldinventuren in den kommenden Jahren diese verminderte Kohlenstoffsenke ausweisen werden. Denn nicht nur Fichtenbestände, sondern auch viele andere Baumarten wurden durch die Klimaextreme gestresst und es wird ein paar Jahre dauern, bis sich das Wachstum der Waldbestände normalisieren kann (soweit denn das Wetter in den folgenden Jahren dies ermöglicht und nicht weitere klimawandelverstärkte „Extremereignisse“ auftreten).

Waldverluste nicht nur in den Tropen, sondern auch in Europa?

Europäische Wälder werden in der Regel mit Blick auf die Holzproduktion nachhaltig bewirtschaftet. Geerntete Waldbestände werden entweder natürlich oder durch Pflanzung wiederbestockt und in wenigen Jahren wieder aktiv Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden. Umwandlungen in andere Landnutzungstypen sind in den meisten Ländern gesetzlich unterbunden. In der Summe ist zu erwarten, dass sich die Waldflächenanteile in Europa weiter erhöhen. Die Frage ist eher, wieviel Kohlenstoff unsere Wälder zukünftig im Mittel speichern können. In der Vergangenheit wurde lange mehr Kohlenstoff gebunden als freigesetzt. Je nach Klima und auch wirtschaftlichen Rahmenbedingungen könnte sich die Bilanz zukünftig auf einem geringeren Niveau einpendeln. Wenn sich unser Klima stärker erwärmt als in den Pariser Klimazielen angestrebt, dann ist zu erwarten, dass es häufiger Störungen geben und die Produktivität unserer Hauptbaumarten leiden wird. Mit maximal 2 Grad Klimaerwärmung, angepasster Waldbewirtschaftung, richtiger Baumartenwahl und durch Vorsorge verminderten Waldstörungen können unsere Wälder mehr Kohlenstoff binden und weiter eine wichtige Rolle für die Gesellschaft spielen mit ihren vielfältigen Waldleistungen.

Konsequenzen für die Klimaschutzfunktion der Wälder

Die mittelfristigen Auswirkungen der Waldverluste auf die europäische CO2-Bilanz werden auch davon abhängen, was mit dem geschädigten Holz passiert. Verbleibt es im Wald, wird es in wenigen Jahren zersetzt sein und das CO2 in die Atmosphäre zurückgeben. Kann es einer Nutzung zugeführt werden, insbesondere in langlebigen Holzprodukten, wird der gebundene Kohlenstoff weiter gespeichert. Wenn diese Holzprodukte zudem weniger klimafreundliche Konkurrenzprodukte ersetzten, ergeben sich Substitutionspotentiale durch verminderte fossile Kohlenstoff-Emissionen. Relevant, aber in der Studie nicht untersucht ist auch die Rolle der Böden im Kohlenstoff-Haushalt. Klimawandel und Holznutzungen beeinflussen auch den Bodenhaushalt und sollten in umfassenden Analysen berücksichtigt werden.

Fazit

Die von den Autoren gefundene massive Erhöhung in den Holznutzungen in europäischen Wäldern erscheinen in dieser Größenordnung vor dem Hintergrund anderer Daten nicht plausibel und bedürfen einer gründlichen methodischen Überprüfung. Das European Forest Institute bereitet solch eine Überprüfung mit Beteiligung vieler ausgewiesener Wissenschaftler aus ganz Europa vor und wir sind gespannt auf die Ergebnisse!

Der Bewertung der Autoren, dass intensivere Holznutzung generell zu kritisieren ist, kann man nicht pauschal folgen. In Europa wird insgesamt nach wie vor deutlich weniger Holz genutzt als nachwächst und eine Nutzung dieses Holz im Sinne der „climate smart forestry“ ist aus Gründen des Klimaschutzes politisch gewollt. Trade-offs könnten z.B. mit Blick auf die Biodiversität bestehen, aber eine aktive Bewirtschaftung könnte auch einen schnelleren Wandel zu resilienten Mischbeständen ermöglichen, um auch in Zukunft vielfältige Waldleistungen bereitzustellen.

Flächendeckende Satellitenbildauswertungen sind eine ausgesprochen wertvolle Informationsquelle und mit verifizierten Algorithmen werden diese bald ein robustes und schnelles Waldmonitoring ermöglichen. Allerdings sehen die Sensoren nur Veränderungen, können aber nicht deren Ursachen erklären. Dies bedarf systematischer Untersuchungen, um fundierte Aussagen treffen zu können.


[1] Luyssaert, S., et al. 2010. The European carbon balance: part 3: Forests. Global Change Biology, 16 (5), 1429-1450.
Nabuurs, G.-J., et al. 2013. First signs of carbon sink saturation in European forest biomass. Nature Climate Change, 3, 792–796.

[2] Fuchs, R., et al. 2015. Gross changes in reconstructions of historic land cover/use for Europe between 1900 and 2010. Global Change Biology, 21 (1), 299-313.

[3] Kahle, H.P., et al. 2008. Causes and Consequences of Forest Growth Trends in Europe – Results of the RECOGNITION Project. EFI Research Report 21, Brill Leiden, Boston, Köln.
Reyer, C. 2015. Forest Productivity Under Environmental Change—a Review of Stand-Scale Modeling Studies. Curr Forestry Rep, 1, 1-16.

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