Für die Praxis: das “Verbissprozent”

Ich möchte den Leserinnen und Lesern dieses Blogs ein Merkblatt für die Praxis aus der Schweiz (WSL) empfehlen, das ich relevant finde für die pan-europäischen Themen Waldumbau, resilienter Wald, klimastabiler Wald, Bergschutzwald, etc.
Kürzlich hat u.a. der Norddeutsche Rundfunk (NDR) über starken Verbiss an Laubbäumen und die entsprechenden Schäden im Harz berichtet: Waldschäden: zu viel Rotwild im Harz. Der Beitrag gibt ebenfalls einen guten Überblick über die Thematik.

Das Verbissprozent – eine Kontrollgröße im Wildmanagement
Wildhuftiere nutzen hauptsächlich im Winter junge Bäume als Nahrungsquelle. Der wiederholte Verbiss von Knospen, Nadeln und jungen Trieben schwächt die Verjüngung oder verhindert sie sogar. Das stellt unter Umständen die nachhaltige Erneuerung des Waldes mit standortsgemäßen Baumarten in Frage. An den Standort optimal angepaßte Baumarten können je nach Standort verschiedene sein: Ein Beispiel wäre der Bergmischwald im Schwarzwald aus Tanne, Buche, Ahorn, Fichte als Hauptbaumarten. Wie stark die Tiere einen Wildlebensraum beeinträchtigen, lässt sich mit dem “Verbissprozent” messen. Das Verbissprozent ist der prozentuale Anteil der Jungbäume mit abgebissenen Pflanzenteilen. Ermittelt wird dieses Prozent für ganze Wildlebensräume und über einen Zeitraum von mehreren Jahren.

Das Verbissprozent ist eine Grösse, die als Ziel im Wald-Wild-Management oder als gesetzliche Auflage gewählt werden kann und objektiv messbar ist. Eine gebräuchliche Form des Verbissprozentes ist der prozentuale Anteil der Bäume zwischen 10 und 130 cm Höhe, bei dem im Verlaufe eines Jahres der Terminaltrieb (der Leittrieb, also verantwortlich für das gerade Höhenwachstum) abgebissen wird. Die Erhebung des Jahresverbisses erlaubt es, Veränderungen von Jahr zu Jahr festzustellen und im Rahmen von Erfolgskontrollen die Wirkung der getroffenen Massnahmen zu überprüfen. Die Massnahmen zur Senkung der Verbissbelastung selbst können ganz unterschiedlicher Art sein: Sie reichen von der Art der Bejagung über die Gestaltung des Lebensraumes, der Förderung von Luchs und Wolf, der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung der Landschaft bis zur Lenkung von Tourismus und Freizeitaktivitäten im Wald und der Ausgestaltung der Raumplanung. Weitere Infos hier: Verbissprozent_CH_Merkblatt_WSL_2018_08

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Lehren aus den Waldbränden 2018

Der Sommer 2018 war und ist immer noch ein ausgesprochener Feuer-Sommer für unsere Wälder in Deutschland und Zentraleuropa. Eine ungewohnt hohe Zahl von Vegetationsbränden zwingt zur Diskussion der Ursachen einerseits, regt aber auch zum Nachdenken an, was zukünftig getan werden kann und muss.

Erste schnelle Reaktionen befassen sich wie üblich sofort mit der Feuerwehr und der Frage, wie die Einsatzkräfte in Zukunft noch besser und effizienter vorgehen können –  also der reaktive Ansatz und die Bekämpfung des Symptoms, aber nicht der Ursache. Selbstverständlich brauchen wir Feuerwehren, die bestmöglichst ausgebildet und ausgerüstet sind. Der Blick über unsere Ländergrenzen hinweg bietet zahlreiche Möglichkeiten, hier nachzubessern. Die European Forest Risk Facility und das weitere Netzwerk sind seit langem in diesem Bereich des länderübergreifenden “Exchange of Experts” tätig. Allerdings nicht nur auf reaktiver Seite sondern auch und vorallem in den Bereichen Prävention und Erhöhung der Resilienz.

Wald mit Wild – aber zukunftsfähig!

ANW Pressemitteilung

– Beispielsbetriebe erklären ihren Weg –

Wald und seine vielfältigen Funktionen für die Gesellschaft sind durch den Klimawandel stark betroffen und mit großen Unsicherheiten behaftet. Die Bundesregierung und die Deutsche Forstwirtschaft haben dieses Problem erkannt und setzen auf die Entwicklung von klimastabileren Mischwäldern. Allerdings wird die Erreichung dies Zieles auf großen Teilen der deutschen Waldfläche durch überhöhte Schalenwildbestände erheblich behindert.

Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) hat zahlreiche Mitgliedsbetriebe, die auf einem guten Weg sind oder es bereits geschafft haben mit geeigneten Jagdmethoden eine Balance von Wald und Wild zu erreichen. Der wirtschaftlich angestrebte klimastabile Mischwald kann sich dort weitgehend ohne Schutz der Pflanzen entwickeln. Man sieht: wo es wirklich einen Willen gibt, finden Waldbesitzer und Jäger gemeinsam auch einen guten Weg. Je nach Örtlichkeit kann dieser sehr unterschiedlich sein.

Die Auswahl der nachfolgenden Betriebe hat sich dazu bereit erklärt, interessierten Gruppen ihren Weg zur Balance zu erklären und zu zeigen, wie der Wald darauf reagiert. Sprechen Sie die Betriebe an und holen Sie sich vielleicht das Wissen und den Mut, es selbst auch zu versuchen.

Verfasser: Hans von der Goltz – Projektleiter BioWild

Wir haben auf diesem Blog den Themenkomplex Waldbau, Wild, Klima und forstl. Resilienz bereits beleuchtet. Das Angebot Beispielbetriebe real zu besuchen ist von grossem Wert um praxisfähige Waldbau- und Jagdmodelle und vor allem deren Akteuere kennenzulernen.

Liste der Beispielsbetriebe_Liste (PDF)

 

Zielorientierte Jagd und klimastabiler Wald – Einblicke in das Projekt BioWild

Das BioWild Projekt wird vom Europäischen Forstinstitut EFI in der Projektbegleitenden Arbeitgruppe PAG unterstützt. Am 1. März 2018 trafen sich Vertreter u.a. von NABU, PEFC Deutschland e.V., dem SDW Bundesverband e.V., der LANUV Wildforschungsstelle und dem Bundesamt für Naturschutz in der Projektregion “Dübener Heide” zum Austausch der aktuellen Entwicklungen in und um das Projekt. Die PAG wurde umfassend informiert, und nach lebhafthaften Diskussion begab man sich in den Wald und an den Ort des Geschehens in der Dübener Heide. Ziel der Exkursion waren die Weisergatter (ohne Wildeinfluß) und die dazugehörigen Vergleichsflächen (mit Wildeinfluß).

Deer management for resilient future forests

Across the forest sector in Europe there is broad consensus that resilient forests should regenerate naturally with multiple and different (and site specific) tree species. The more diversity in the regeneration, the better. With a forest use that follows natural processes. By these means, ecological and economic risks are reduced.

Across the forest sector in Europe there is also broad consensus that unbalanced deer densities have a negative effect on tree species composition through selective browsing, bark stripping and fraying.

However, there exists a conflict of interest in different European countries since many years: Should high deer densities for easier hunting be preferred – or should lower deer densities for forest development be favoured? A new dimension is added to this discussion when focusing on biodiversity. Biodiversity of forest systems is seen as an insurance and pre-requisite for resilience with regards to expected climate change. Considering that new dimension, the discussion exceeds the level of forest owner interests vs. hunting interests, it becomes a complex topic for society.