Wir brauchen einen klimastabileren Wald – und nicht nur klimaresistentere Bäume!

Gastbeitrag von Hans von der Goltz

Der Wald muss für Eigentümer und Gesellschaft wirtschaftliche, ökologische und soziale Funktionen erfüllen. Wir brauchen einen stabilen Wald und seine Funktionen zum Überleben.
Die Stürme der letzten Jahre, vor allem aber der Jahrhundertsommer 2018 werden insbesondere in den ohnehin schon trockeneren Gebieten Deutschlands zu Auflösungstendenzen des Waldes führen. Seine Wirtschaftsfunktion für die Forst- und Holzwirtschaft mit 1,1 Mio. Beschäftigten, die bisher fast makellose ökologische Vorbildfunktion des naturnähesten bewirtschafteten Ökosystems Wald und die für die Gesellschaft so wichtigen Erholungs- und Trinkwasserschutzfunktionen werden Schaden nehmen.

Die Nachhaltigkeit unseres Waldes ist in Gefahr.

Inzwischen wird jeder erkannt haben, dass ein „weiter so“ für alle Nutznießer des Waldes und auch für ihn selbst nicht zielführend sein wird. Wir brauchen schnell ein grundlegendes Konzept für einen verantwortungsvollen, zukunftsfähigen und nachhaltigen Waldumbau. Dieses darf sich nicht beschränken auf den Anbau „klimaresistenterer Baumarten“. Es bedarf einer zum Teil radikalen Neuausrichtung der Waldbau-, Jagd-, Naturschutz- und Förderpolitik der Bundesregierung.
Die seit vielen 100 Jahren bewährten heimischen Baumarten müssen behutsam ergänzt werden durch robustere Gastbaumarten. Also nicht: Kiefer raus – Douglasie rein. Nein, die langfristige Mischung verschiedener Baumarten nach Alter und Art ist der Schlüssel zur Risikominderung. Am besten gelingt dies, wenn man auch die standortökologischen Bedingungen dabei beachtet und, wo nötig, optimiert.

Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) verfolgt diese Waldbauziele seit 1950 und entwickelt sie ständig weiter. Als ANW-Bundesvorsitzender möchte ich ausdrücklich warnen:

Es wird höchste Zeit, dass nicht mehr nur – wie beim Bundesjagdgesetz – für irgendwelche belanglose Randthemen Zeit verschwendet wird. Nein, vor dem Hintergrund der erwarteten klimabedingten Waldverluste brauchen wir eine grundlegende Waldentwicklungsstrategie. Sie muss zu einem veränderten Bewusstsein und konstruktivem, zukunfstfähigem Verhalten von Waldeigentümern, Jägern, Naturschützern, Politikern und anderen gesellschaftlichen Gruppen führen.

Foto: Manfred Witz

Marteloskop – ein „Simulator“ für die integrative Waldwirtschaft

Von Katharina Rohde und Gesche Schifferdecker

Die Entscheidung zu treffen, welcher Baum als Zukunftsbaum im Wald belassen wird und wachsen darf, und welcher Baum entnommen wird, ist nicht immer einfach. Schließlich spielen neben ökonomischen Parametern wie der Holzqualität und der Wuchsform auch ökologische Parameter, so genannte Mikrohabitate, wie beispielsweise tote Äste und Rindentaschen, bei der Entscheidung eine wichtige Rolle.

Um nachhaltige Forstwirtschaft und Naturschutz sinnvoll und anschaulich miteinander verbinden zu können, ist am 4. Juli 2018 das erste rheinland-pfälzische Marteloskop „Viergemeindewald“ eröffnet worden. Auf einer ca. 1 ha großen Waldfläche sind hier alle Bäume ab einem Brusthöhendurchmesser von 7 Zentimetern erfasst, vermessen und fortlaufend nummeriert. Zusätzlich sind für jeden Baum die ökonomischen sowie ökologischen Parameter aufgenommen.

Waldbautraining mit Marteloskopen und moderner IT

Forstfachleute aus acht Bundesländern und aus der Schweiz tauschten sich zu den Perspektiven von IT-gestützten Waldbau-Schulungen aus.

Vom 10.-11.7.2018 trafen sich in Bonn forstliche Fachleute aus zahlreichen Bundesländern, aus der Schweiz und von Hochschulen sowie vom Europäischen Forstinstitut (EFI), um sich zum Stand und zu Perspektiven von Waldbau-Schulungen auszutauschen. Hierbei ging es vor allem um die künftige Rolle moderner Informationstechnologien und um die didaktische Weiterentwicklung von Waldbau-Schulungen. Präsentiert und diskutiert wurden Erfahrungen aus dem von EFI initiierten Integrate+-Projekt (Integration von Waldnaturschutz in die Waldbewirtschaftung und Nutzung besonderer Demonstrationsflächen) und aus den Forstverwaltungen verschiedener Bundesländer. Das Expertentreffen begann mit dem Austausch von Erfahrungen bezüglich der Nutzung von Demonstrationsflächen für die integrative Waldbewirtschaftung, sogenannte Marteloskopflächen, für unterschiedliche Trainingszwecke. Darüber hinaus wurden Beispiele aus der Praxis des Waldbau-Trainings vorgestellt und Entwicklungsperspektiven für die Waldbau-Schulung diskutiert. In Bonn sind die ersten beiden NRW-Marteloskope nach dem Integrate+-Ansatz eingerichtet. Eine dieser Flächen im Kottenforst wurde unter Führung von Uwe Schölmerich und Klaus Striepen von Wald und Holz NRW am zweiten Tag besucht, um den Erfahrungsaustausch im Wald fortzusetzen. Die Exkursion war auch verbunden mit einer virtuellen, von einer am EFI entwickelten Trainingssoftware unterstützten Durchforstungsübung.

Mit deutschsprachigen Forstchefs im Bonner Kottenforst

Am Freitag, den 6. Juli 2018, haben Wald und Holz NRW und wir, das Bonner Büro von European Forest Institute (EFI), für die ForstchefInnen von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxembourg und Südtirol eine Exkursion in den Bonner Kottenforst organisiert, um uns über das Spannungsfeld Naturschutz – nachhaltige Waldwirtschaft – Nutzung des Waldes für Erholungszwecke auszutauschen. Die Exkursion fand im Rahmen eines Treffens auf Einladung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) in Bonn statt, bei dem waldpolitische Fragen diskutiert wurden.

Um die Integration der verschiedenen Waldfunktionen Nutz/Schutz/Erholung aus forstpraktischem Blickwinkel betrachten zu können, haben wir mit den Forstchefs die Marteloskopfläche „Jägerhäuschen“ besucht und gemeinsam mit Uwe Schölmerich, Leiter des Regionalforstamtes Rhein-Sieg-Erft, vorgestellt. Marteloskope sind Waldflächen, in denen alle Bäume genau vermessen wurden. Baumart, Durchmesser, Holzwert und ökologischer Besonderheiten wie Spechthöhlen oder Rindentaschen sind erfasst und in einer digitalen Karte dargestellt. Anhand dieser Beispiele können ForstmanagerInnen und Studierende, aber auch PolitikvertreterInnen und die interessierte Öffentlichkeit mithilfe einer Tabletsoftware im Wald selbst simulieren, wie man Naturschutzaspekte und wirtschaftliche Erwartungen miteinander in Einklang bringen kann.

Heute noch bewerben: SDW-WorkCamp Brasilien-Deutschland zu nachhaltiger Waldbewirtschaftung

Auf nach Brasilien und den Wald entdecken! … und die Brasilianerinnen und Brasilianer in unseren Wald einladen!

Im aktuellen Projekt „Internationales WorkCamp – Junge Erwachsene für nachhaltige Waldbewirtschaftung“ der SDW-Schutzgemeinschaft Deutscher Wald wird das möglich. Durch direkten Austausch in der Amazonasregion und in Deutschland sollen Wissen zu nachhaltiger Waldbewirtschaftung aufgebaut und in Wald-WorkCamps kreative Bildungsmaterialien entwickelt werden. Die Teams arbeiten interdisziplinär und setzten sich aus jeweils acht jungen Erwachsenen aus Brasilien und Deutschland unterschiedlicher Studiengänge (Forst, Umwelt, Design, Kommunikation, Marketing, Kunst, etc.) zusammen.

Interessierte Studierende aus Deutschland sind eingeladen, sich bis zum 20.11.2017 bei der SDW-Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zu bewerben. Die Teilnahme, Reise und Unterkunft für alle Veranstaltungen sind kostenlos.

Weitere Informationen finden Sie hier oder über katharina.schluender@sdw.de.